Neotenic – die neue Kollektion
Wer guten Geschmack hat, weiss: Er ist selten laut. Man erkennt ihn an Nuancen, an der Ruhe einer klaren Idee, an Dingen, die bleiben, weil sie handwerklich richtig gemacht sind.
Neotenic, die neue Zusammenarbeit von Original BTC mit Buchanan Studio, setzt genau dort an und macht mundgeblasenes Glas zur Hauptfigur. Nicht als nostalgisches Zitat, sondern als selbstbewusst zeitgenössisches Statement.

Der Ausgangspunkt klingt beinahe klassisch: Charlotte und Angus Buchanan, die Gründer von Buchanan Studio, besuchen die Glasmanufaktur von Original BTC in Oxfordshire.
Wer einmal gesehen hat, wie Glas entsteht, begreift schnell, warum diese Technik seit Jahrhunderten fasziniert. Der Prozess ist traditionell, körperlich, kompromisslos analog. Was in der Werkstatt passiert, ist nicht effizient oder „perfekt“ im industriellen Sinn, aber gerade darin liegt seine Kraft. Aus der Nähe betrachtet wirkt das Handwerk wie ein Ritual – das Material reagiert, widerspricht, folgt. Diese Erfahrung war der Funke für ein Design, das zugleich souverän und verspielt wirkt, mit einer sanften Skulpturalität, die dem Raum sofort eine eigene Stimmung gibt.

Im Zentrum jedes Modells steht der bullnose shade, ein rundlich geschwungener Schirm, der die Serie zusammenhält und sich durch alle fünf Typen zieht: Tisch- und Stehleuchte, Wandleuchte, Deckenleuchte und Pendelleuchte.
Die Form ist bewusst zugänglich, freundlich, fast neotenisch im wörtlichen Sinn: weich, neugierig, ein wenig unberechenbar. Gleichzeitig bleibt sie führig und präzise, nie kindlich, nie beliebig. Es ist diese kontrollierte Leichtigkeit, die die Kollektion trägt.

Bei den Tisch- und Stehleuchten tritt ein weiteres Motiv hinzu: das charakteristische Dreieck von Buchanan Studio. Als grafischer Gegenpol zum runden Glas wirkt es wie eine klare Kante im Bild, ein ruhiger Sockel, von dem aus der Schirm kippen und „spielen“ darf. Ein kleines formales Spannungsverhältnis, das die Objekte lebendig hält.
Wirklich fesselnd aber sind die Glasfarben. Jede Schale zeigt eine marmorierte Zeichnung aus Wirbeln und Adern, die im ausgeschalteten Zustand anders liest als im Licht. Unbeleuchtet wirkt das Glas kühler, dichter, fast zurückhaltend. Schaltet man die Leuchte ein, vertieft sich die Farbe, wird wärmer, intensiver, beinahe glühend. Als hätte das Objekt eine zweite Stimmung in sich verborgen, die erst im richtigen Moment sichtbar wird.

Diese Verwandlung ist kein Effekt, sondern Ergebnis handwerklicher Entscheidungen. Die Glasbläserinnen und Glasbläser arbeiten von einer opalen Basis aus, bringen Farbe von Hand ein und bewegen das Material so, dass Ripples, Bewegung und feine Abweichungen entstehen. Keine zwei Schirme gleichen sich. Die Kollektion trägt das Prinzip der Variation nicht als Makel, sondern als Versprechen: Jedes Stück ist ein Original.
Auch die Namen der Farbwelten spielen mit Erinnerung, ohne ins Verspielte abzurutschen: Strawberry, Chocolate und Vanilla. Ein Verweis auf neapolitanische Nostalgie, ja, aber die Oberfläche bleibt modern, klar, fast kühl in ihrer Präzision. Es ist „Genuss“ ohne Zuckerguss.

Der Titel Neotenic ist dabei mehr als ein Label. In Kunst und Design beschreibt der Begriff jene Qualitäten, die man mit Jugend verbindet: Sanftheit, Neugier, eine gewisse Süße, spielerische Offenheit – und die Idee, diese Eigenschaften ins Erwachsenenleben hinüberzuretten.
In dieser Kollektion übersetzt sich das in abgerundete Formen, zugängliche Proportionen und einen Anflug von Laune, der stets gezügelt bleibt. Das Präfix „Neo“ deutet zudem die Schichtung der Referenzen an: Neotenic als Form, Neapolitan als Farberinnerung, und ein vorsichtiger Optimismus, der nach vorn schaut.

Buchanan Studio ist bekannt für expressive Interieurs, skulpturale Möbel und eine kreative Haltung, die Romantik mit einem leichten Hauch von Irreverenz ausbalanciert. Genau diese Sensibilität zieht sich durch Neotenic und gibt einer auf Handwerk gegründeten Marke eine neue, überraschend frische Kante.
„Wir waren besonders fasziniert davon, wie sehr sich das Glas verändert, sobald es beleuchtet wird“, sagt Angus Buchanan. „Ausgeschaltet hat es einen Charakter, eingeschaltet einen völlig anderen. Dieses Gefühl von Individualität wurde zum Zentrum unseres Ansatzes.“
Charlotte Buchanan spricht von einer gemeinsamen Basis: dem Bekenntnis zu britischer Handwerkskunst und Qualität. Beide Marken fertigen in England, und die geteilte Wertschätzung für das Material und seine Herkunft habe die Zusammenarbeit „ganz selbstverständlich“ gemacht.

Auch in den Details wird diese Partnerschaft sichtbar. Jede Leuchte endet in einer Messingkappe, die die kombinierten Logos trägt. Die weissen Stahlbasen werden CNC-gefräst, um Präzision zu garantieren, und anschliessend texturiert, damit sie unter der organischen Bewegung des Glases nicht zu hart wirken.
Besonders die Wandleuchte wirkt wie ein leiser Geniestreich: Der Schirm ist sauber geschnitten und mit Messingschrauben fixiert, wodurch aus einer notwendigen Befestigung ein bewusst gestaltetes Element wird.

Original-BTC-Direktor Charlie Bowles beschreibt die Kollektion als Grenzverschiebung: Man habe sich darauf geeinigt, die Kunst der eigenen Glaswerke konsequent ins Zentrum zu stellen, aber zugleich die gewohnte Ästhetik zu dehnen. Herausgekommen sei etwas Eigenständiges – eine stille Feier britischen Designs und Handwerks.